italia iv

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Ehrlich gesagt rutschte mir ein „Ups!“ heraus, als ich im Auto nach Pisa fuhr und – auf den beträchtlichen Verkehr konzentriert – aus dem Blickwinkel heraus das scheppse Gebäude über die Stadtmauer lugen sah. Ich hatte tatsächlich für einen Moment lang vergessen, dass hier ja der schiefe Turm stand und war belustigt überrascht über die doch etwas gewagte Baupolitik der Italiener. Und dann musste ich über mich selber lachen.

Beim näher Kommen musterte ich die Verhältnisse zu Fuss: der schiefe Turm, daneben die ebenso schiefen Zypressen und der schiefe Baukran im Vordergrund. Alle schön parallel. Sehen Sie es auf dem Foto? Nur die Kirche stand gerade.

Einen Augenblick lang machte ich die Überlegung, ob man in diesem Fall nicht auch die Kirche ein bisschen schief legen sollte. Einfach aus architektonischen Prinzipien heraus. Aber nein. Die Kirche liegt schon richtig.

italia iii

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„Ascoltaci, o Signore!“

„Ascoltaci, o Signore!“

„Ascoltaci, o Signore!“

Die Fürbitten in der Heiligen Messe wurden monoton vorgetragen und ebenso die Antworten. Aber nicht wie bei uns verhalten vor sich hin murmelnd, sondern  all’italiana mit einer gewissen Stämmigkeit und Selbstsicherheit. Laut und scheppernd.

Noch bevor ich gemerkt hätte, dass ich selber in ihren Gebetstrott verfallen war, war mir, als stünde Jesus neben mir und stupfte mich grinsend in den Arm. Ich ‚erwachte‘ und musste selber grinsen. Dann überlegte ich wieder, was ich da vor mich hin sagte: „Ascoltaci, o Signore – höre uns, o Herr!“ Ja, Er hört uns, noch bevor wir wissen, worum wir beten sollen. Und Er ist nicht nur da ‚oben‘, weit weg. Sondern da.

italia ii

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Das Dolcefarniente – gehört irgendwie zu Ferien in Italien. Selbst die Katze auf dem Foto macht’s:

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Es ist eigentlich nicht ein nichts Tun. Eher ein den Moment Geniessen. Ohne Druck. Ohne Termine. Das wahr nehmen, was gerade ist. Und dem Raum geben.
Warum sich nicht einfach einmal einen schönen Ort aussuchen, der gar nicht weit weg zu sein braucht. Sich hin setzen und Zeit nehmen.

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Ungleich schöner ist es, sich dabei bewusst zu machen, dass Jesus da ist. Er ist. Und Er ist Gott. Darum ist er hier. Das Hier und Jetzt bekommt urplötzlich eine andere Fülle. Zweisamkeit. Ein Ruhen, das angekommen ist.

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Einfach das Sein miteinander. Sich Zeit füreinander nehmen. Sich nicht in Erörterungen von Problemen verlieren. Sondern einfach zusammen sein an diesem Ort mit allem, was darum herum geschieht oder auch nicht. Mit allem, was man ist und dem Raum gebend, was Er ist.

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Und gemeinsam hinaus schauen im schweigenden miteinander Sein.

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italia i

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Noch bin ich mit dem Kopf nicht zurück aus den Ferien. Zu schön waren diese paar Tage italianità in Lucca und Umgebung.
Man kann nicht sagen, dass ich mich nicht angepasst hätte den Italienern (und damit meine ich nicht nur, dass ich mit ihnen mitgefiebert hatte, als das Fussballspiel gegen Belgien anstand). Genau wie sie fuhr ich täglich in gemütlichem Tempo mit meinem Klappvelo durch die Stadt. Lucca ist nämlich autofrei und voll von Klappvelos und anderen Rädern. An jeder Ecke stehen sie, irgendworan gesichert mit einer schweren Kette, die manchmal wohl einen grösseren finanziellen Wert hatte als das Rad selber; Velos in allen Zuständen. Zwischendurch dachte ich, die italienischen Mammas halten ihre kleinen und grossen Kinder wohl nie dazu an, ihr Velo zu putzen, wie wir es als Kind jeweils im Frühling tun mussten.

Item. Ich fuhr also quer durch die Stadt. Oft wählte ich Gassen, die nicht so bevölkert waren. Gassen, die ruhiger waren und in denen das italienische Alltagsleben mehr aus den Häuser drang. Da standen Nachbarinnen in ihren Türen oder auf die Fensterbrüstung gestützt und plauderten miteinander über die Gasse hinweg, während sie ihre Putzlappen trockneten oder die Fensterläden ausstellten, damit die beginnenden Hitze des Vormittags nicht allzu sehr in die Häuser dringen konnte. Männer in Anzügen traten aus den Häusern, klemmten ihre Mappen auf’s Velo und fuhren zur Arbeit. Oder man sah durch Türspalten in üppige Hofgärten mit Gartenstühlen, auf denen sich die Katzen von der Morgensonne bescheinen liessen.

Die etwas in die Jahre geratene Bepflasterung der Gassen machte mir ehrlich gesagt ein bisschen Mühe, also eher meinem Velo. Es rüttelte und schüttelte uns und manchmal war es ein richtiger Balanceakt, den ich da vollziehen musste. Mein armes Klappvelo von FIAT kämpfte und bei jedem gröberen Schlag rutschte der Sattel ein bisschen tiefer und die Lenkstange drehte sich, so dass ich alle paar hundert Meter absteigen und alles wieder richten musste. Ich mag die Marke FIAT und bin selber früher einen alten schwarzen FIAT Panda 4×4 gefahren, aber eben.. es ist nicht zu verleugnen: F (Flick) I (ihn) A (alle) T (Tage).

Ich fuhr also eines Morgens durch eine dieser Gassen, als sich plötzlich eine dunkelgrüne schwere Holztür öffnete und eine alte Frau mit dicken grauen, etwas zerzausten Haaren heraus lugte. Sie lächelte mich an und sagte, während ich vorbei fuhr: „E‘ Renzo, lo sapevi?“ („Es ist Renzo, wusstest du das?“). Ich fühlte mich wie eine ihrer Nachbarinnen, so vertraut sprach sie zu mir. Tatsächlich: An diesem Tag war der italienische Premier Matteo Renzi in der Stadt und sprach auf einem Platz zu seinem Publikum. Ich hatte eine Politikerstimme gehört und den Platz mit meinem Klappvelo umfahren. Erst jetzt dämmerte es mir, wer das war. Ich lächelte zurück und mein Kopf machte durch die Überraschung eine unbestimmte Bewegung bevor dieser kurze Moment der Begegnung zu Ende war und ich mich vernünftigerweise darauf konzentrieren musste mit meinem Velo in der Vertikale zu bleiben.

Renzo ist in der Stadt! Für diese Frau offensichtlich eine Ehre, eine Freude. Während ich weiter fuhr, wurde ich nachdenklich. Die Situation erinnerte mich zu sehr an die Bibel, an die berühmten Szenen, wo die Menschen einander zu riefen: „Jesus ist in der Stadt!“

Würde diese Frau, würden wir genauso freudig reagieren, wenn wir erfahren würden, dass Jesus in der Stadt, in unserem Dorf ist?

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ferien

Stellen Sie sich mal einen Ort vor, einen schönen. Muss ja nicht eine Landschaft sein, sondern etwas Kleineres. Vielleicht ein schönes helles Zimmer, eine lauschige Gartenecke, eine gemütliche Lounge, die Fenster offen, von draussen ertönt gedämpft Strassenmusik, die Luft ist lau. Ein Ort, an dem Sie sich rundum wohl fühlen und geborgen, sicher.

Und dann tritt Jesus in diese Situation. Irgendwie. Lassen Sie es laufen wie es dann gerade kommt. Es muss ja auch nicht so eine Jesusfigur sein, wie man sie gemeinhin in billig produzierten Jesusfilmen sieht. Ob langes weisses Kleid oder nicht: einfach Jesus mit Seiner liebenden Art, Seinem Verstehen, Seinem sanften Führen. Er ist kein Softie. Er weiss uns zu nehmen, wie wir es brauchen. Trauen Sie Ihm das zu. Er hat das, was wir brauchen. Er unterfordert uns nicht. Er holt uns da ab wo wir gerade sind. Mehr sage ich nicht. Lassen Sie es einfach laufen und nehmen Sie sich Zeit dafür.

Ich bin jetzt dann ein paar Tage weg und wer weiss: Vielleicht komme ich mit ein paar Fotos zurück, die einen inspirieren, einen solchen Moment mit Jesus zu verbringen. Schöne Orte, eine schöne Umgebung als Idee um mit Ihm zusammen zu sein. Ich zeig sie Ihnen dann – bis dann!

Kamera

vertrautheit

Sie sah ihren Mann an. Während eigentlich sie und ich miteinander im Gespräch waren, sah sie kurz ihren Mann an, der hinzu getreten war, und erklärte ihm in zwei Sätzen, dass sie ihm später erzählen genauer würde, worüber wir zwei gerade sprachen. Später, in Ruhe, wenn sie wieder zu Hause seien.

Sie sah ihn an, wie ich sie den ganzen Tag nicht gesehen hatte. Ihre Augen bekamen plötzlich eine Weichheit und schienen sich für einen Augenblick in ihn hinein zu senken. Es hatte nichts mit dem zu tun, was sie ihm dann später erzählen wollte. In ihren Augen lag einfach ihre gemeinsame Geschichte, eine tiefe Vertrautheit, hindurch gegangen und gewachsen durch Höhen und Tiefen, durch schmerzliche und freudige Erfahrungen, die sie miteinander gemacht hatten. In diesem einen Augenblick, in ihrem Blick lag alles, was diese zwei Menschen verband.

Ich stand da und schaute sie an. Mir kam es vor, als sähe ich in ihren Augen, was Wunderbares sie sah. Ich brauchte mich nicht umzudrehen, denn ich wusste, dass sie ihren Mann anblickte, dem sie seit Jahren in grosser Treue ihre Liebe schenkt und er ihr – um einander fühlen und erleben zu lassen, wie Gott liebt. Bedingungslos.

Ich stand da und dachte, ob ich den, dem ich gehöre, auch so liebe. Ob in meinen Augen auch so eine Vertrautheit liegt, wenn ich Ihn anschaue.

vielleicht

Unbenannt-1

beziehungen

2016-05-28 15.06.54

Dieses Detail auf der Brüstung faszinierte mich, als ich auf der grossen Dachterrasse stand und über den See und die Häuser der Stadt blickte. So feine, filigrane Drähte unbeachtet von diesem grossen Hintergrund mit so viel Leben und Geschäftigkeit und Bewegung. Bewusst habe ich die Kamera den Hintergrund verwischen lassen, damit das Feine seinen Raum bekam.

Unsere Beziehungen sind so grossen Einflüssen ausgesetzt, dabei sind sie so verletzlich. Aufgebaut werden sie langsam, lädiert allzu schnell. Der Rhythmus des Lebens, unsere Geschichte schleift uns manchmal so mit, dass unser Tun hinterher rennt und Verluste in Kauf nimmt, obwohl wir nicht wollen.

Aber eigentlich haben wir die Freiheit, dem Moment, dem Menschen uns gegenüber Raum zu geben und wahr zu nehmen, was wirklich ist. Dass da etwas ist, das gemeinsam aufgebaut werden kann und dass man sich, wenn man es sich genau überlegt, nicht allzu sehr von dem beeinflussen lassen muss, was uns bisher als unvermeidlich prägend vorgekommen ist.

Beziehungen muss man wachsen lassen und schützen, denn sie sind etwas ganz Kostbares. Bitten wir Gott um Seinen Schutz – ohne Ihn ist alles viel zu sehr verwundbar.