hunger

– Ich mache jetzt Znacht. Jesus, hast du Hunger?

– Ja.. nach deiner Liebe.

blütenrein weiss

Das Schwarz seiner Mönchskutte zeichnete sich gegen das dunkle Holztäfer nur leicht ab. Er sass zwischen zwei Fenstern, die das helle Licht des Tages herein liessen. Links und rechts von ihm sassen Mitbrüder, in klösterlichem Abstand. Jeder hatte seinen Suppenteller vor sich und löffelte schweigend. Aus der hinteren Ecke tönte die Stimme eines Mönchs, der die Tischlesung las.

Ich wagte nur ab und an einen verstohlenen Blick über den Rand meines Löffels auf den Mönch, der an einem der im Hufeisen angeordneten Tische genau mir gegenüber sass. Die Linie seiner Schultern war haarscharf und zog den leichten Bogen des Alters. Sein Kopf lag tief, die schneeweissen Haare, der Bart. Zwei, drei Male trafen sich unsere Blicke, aber er zeigte keinerlei Regung. Widmete sich wieder dem Löffeln der Suppe, dem Hören auf Gott.

Die Serviette hatte er sich oben ins Skapulier gesteckt. Blütenrein weiss fiel sie in eleganten Falten und schmalem Wurf. Sie hing mehr denn als sie lag und zeichnete sich klarstens vom Schwarz ab. Wie das weisse Brustfell einer schwarzen Katze leuchtete sie symmetrisch im kurzen Täferdunkel zwischen den beiden Fenstern.
Mein Blick konnte sich trotz des Risikos kaum von diesem Anblick los reissen. Es lag eine pure Schönheit in diesem Anblick. Das Schwarz seines Habits als Symbol für den Verzicht auf alles, was nicht Gott ist. Das Weiss als Symbol für das, was Gott ist und was zu Ihm hinführt.

Sein Leben als Mönch: ein radikaler Entscheid, von der Welt kaum verstanden, aber für die Welt von unendlichem Wert.

wenn ich meinen gott liebe

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Jede Woche staube ich diese Bücher ab. Es sind nicht meine und sie stehen auch nicht in meiner Wohnung. Mit dem Staubwischer fahre ich über die Buchrücken: Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomos, Irenäus von Lyon, Athanasius, Hieronymus, Ambrosius und Augustinus, wie sie alle heissen, die Kirchenväter. Nur schon ihre Namen rufen in mir ein warmes Gefühl hervor; Erinnerung an die Weisheit ihrer Werke. Sie werden Väter genannt und so sind sie auch. Das was sie schreiben, strahlt eine Sicherheit gebende Ruhe aus. Eine Gelassenheit, die Verständnis hat für das, was noch nicht so voller Weisheit ist und dennoch nicht locker lassend im liebevollen Führen auf dem Weg auf Gott hin.

Ja, ich staube sie auch auf ihrer Rückseite ab. Da sehen sie aus wie andere Bücher, aber nicht gleich wie ihre Vorderseite. Ungewohnt. Und ich schaute genauer hin. Fuhr nicht mehr mit meinem Blick über blosse Namen, Erinnerungen. Ich wollte wieder wissen, was sie schreiben. Mich unter die Väterlichkeit der grossen, weiten Kirche stellen. Weil das gut tut.

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Just in diesen Tagen tauchte im morgendlichen Stundengebet eine Lesung von Augustinus auf. Wie schön war sie! Wie gut sie tat. Ein Text von zeitloser Schönheit. Von feiner Zärtlichkeit.

(…) Herr, ich zweifle nicht, sondern ich bin mir klar bewusst, dass ich dich liebe. Du hast mein Herz mit deinem Wort getroffen, da liebte ich dich. Was liebe ich aber, wenn ich dich liebe? Nicht körperliche Anmut und zeitliche Schönheit; nicht den Glanz des Lichtes, der unseren Augen so lieb ist; nicht die süssen Weisen vielfältiger Gesänge; nicht den Duft von Blumen, Salben und Gewürzen; nicht Manna und Honig, nicht liebevolle Umarmung. Das ist es nicht, was ich liebe, wenn ich meinen Gott liebe.

Und doch ist es etwas wie Licht, was ich liebe, etwas wie eine Stimme, ein Duft, eine Speise, eine Umarmung, wenn ich meinen Gott liebe: das Licht, die Stimme, der Duft, die Speise, die Umarmung meines inneren Menschen. Da leuchtet meiner Seele etwas, was keinen Raum umfasst; dort erklingt, was die Zeit nicht wegrafft; dort duftet, was der Wind nicht verweht; dort schmeckt, was beim Essen nicht sättigt; dort werden Liebende durch keinen Überdruss entzweit. Das ist es, was ich liebe, wenn ich meinen Gott liebe. (…)

Das wollte ich Ihnen nicht vorenthalten. Weil es gut tut.

grenzüberschreitungen

Als ich gestern in die Federn ging, wusste ich genau, dass ich heute Morgen gestresst aufwachen würde. Gestern war der ‚Tag der nationalen Grenzüberschreitung‘. Eigentlich nicht national, nur Schwester-Veronika-weit. Und es war auch nicht ein Tag, sondern nur ein Nachmittag/Abend. Aber der Tropfen reichte um das Fass zum Überlaufen zu bringen. So etwas kommt immer gehäuft. Typisch.

Ich schaffte es gestern nicht zu verarbeiten, dass ich gleich mehreren Menschen Grenzen setzen musste oder hätte setzen müssen und eben nicht gesetzt habe. Keine Frage: Ich kann sehr konsequent sein und habe meistens auch einen klaren Blick für die Dinge. Aber es gibt Tage, an denen ich nicht darauf vorbereitet bin, dass Menschen meine Grenzen überschreiten – einfach weil mein Normalmodus darin besteht darauf zu vertrauen, dass jeder den anderen respektiert und in etwa weiss, wo seine Grenzen sind. Meistens merken die Menschen auch gar nicht, dass sie gerade im Begriff sind die Grenzen eines anderen Menschen zu überschreiten. Da muss man auch beachten.

Es wäre einfach herum zu bellen und anderen die Tür vor der Nase zu zu schlagen, ob nun im übertragenen Sinn oder nicht. Aber es geht um die Unterscheidung: Wo muss ich meinen Egoismus überwinden und ganz für den anderen Menschen da sein und wo darf ich für mich schauen oder habe sogar die Pflicht dazu.

Da hilft der Heilige Geist. Er hilft zu unterscheiden.

Und es ist Sonntag. Bevor ich Morgen für meine Arbeit im Gefängnis innerlich und äusserlich zu 100% fit sein muss, habe ich noch einen ganzen Tag Zeit mich um den inneren Raum zu kümmern, wo niemand hinein kann, nur Gott. Diesen ‚Raum‘ kann mir niemand nehmen, da kann niemand hinein trampeln. Da ist nur Jesus und ich. Dafür, für diese Beziehung muss ich mir nun Zeit nehmen, dann wird sich der Stress legen.

em

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Wer spielte am Sonntag im Final gegen Portugal? Deutschland oder Frankreich? Also, ich weiss es noch. Aber ich kenne mich: Hätte ich diese Fussball-Europameisterschaft 2016 nicht dermassen angefressen verfolgt, ich wüsste es bereits jetzt – ein paar Tage nach dem Final – kaum mehr. Ein paar von Ihnen wird es ähnlich ergehen oder vielleicht sind Sie gar komplette Fussballguckerverweigerer oder – darüberredenverweigerer.

Auf jeden Fall ist der Zauber vorbei, mögen die Medien nachzuckern wie sie wollen. Mit dem Schlusspfiff endete es und fertig. Fussballmeisterschaften haben ein Ende, die Wurst hat zwei. Zurück bleibt ein fader Geschmack – weil nichts folgt.

Sie ahnen, worauf ich hinaus will: Gott hat kein Ende. Die Beziehung mit Ihm wartet nie mit einem gähnenden Loch als Ende auf, sofern wir nicht wollen. Immer können wir auf Ihn zurück greifen und wenn ich mich Ihm zuwende, ist Er immer da in unveränderter Zugewandtheit und Hingabe, unabhängig von der Situation. Diese Konstanz Seinerseits ist Tränen in die Augen treibend schön. Ich muss mich nur nicht davon abbringen lassen, es annehmen zu können.

sonntag

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Gestern war ich im Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Ich staunte, wie viel noch unverändert war, wie kurz die Distanzen geworden sind und wie viele Bäume noch standen. Auf denen war ich nämlich herum geklettert. Und wie! Man kann schon fast sagen, dass ich mehr auf den Bäumen als am Boden gelebt hatte.

Am Schluss fuhr ich den Weg ab, den wir als Familie jeweils sonntags ins Nachbardorf gelaufen sind, um dort in der Kirche die Heilige Messe zu besuchen. Ich erkannte Geländer, Häuserfarben, Abzweigungen, Wandbilder, Brunnen und Schlittelwiesen wieder und viele Erinnerungen kamen hoch. Ein Restaurant musste ich zwar etwas suchen. Manchmal – im Sommer – liefen wir den kleinen grossen Umweg dahin. Denn da gab’s Glacé. Ich kann mich an eine grosse Kühltruhe im Eingangsbereich erinnern mit den verschiedenen Töpfen drin und an die Bisquitkörbchen, so herrlich leicht, hell und mehr oder weniger knackig. Da gab’s dann eine Kugel Glacé hinein, die ziemlich sofort zu tropfen begann.

Es ist doch wunderbar, denn Sonntag zu feiern! Für uns damals ab und zu mit einem Glacé, für andere mit einem Apéritif oder sonst einer kleinen Freude. Nicht einfach weil’s Sonntag ist, sondern weil es der Tag des Herrn ist. Sein Tag. Herrlich simpel. Und das jede Woche. Wie schön ist es glauben und es auch feiern zu dürfen!

P.S.: Heute ist Sonntag..

antwort?

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Gott gibt keine Antworten. Er gibt sich selbst.

konzert

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Irgendwie habe ich aus diesen und jenen Gründen selten Gelegenheit in Konzerte gehen zu können. Es ist darum jedes Mal ein besonderes Erlebnis für mich. Als ich letzten Monat in Lucca war, ergab es sich.

Lucca ist die Geburtsstadt von Giacomo Puccini (1858 – 1924), dem grossen Komponisten. Seine Musik liegt mir nicht so wie beispielsweise die von Rossini, aber ich freute mich trotzdem auf den Abend. Dem Programm war zu entnehmen, dass zwei Solisten eine Auswahl von Puccinis Opernarien singen würden und ich war gespannt auf den Genuss.

Das Konzert fand in einer ehemaligen Kirche statt (solche Umfunktionierereien mag ich zwar nicht wenn es um Kirchen geht). Ich nahm Platz und studierte das Programm. Ganz weit entfernt hörte man, wie sich der Tenor einsang. Eine Hammer Stimme, die weit oben durch das Gewölbe der Kirche flog. Welch ein Talent, das dieser Mensch von Gott erhalten hat!

Es war vielleicht das schönste Konzert, das ich je erlebt habe: Als der Tenor die Bühne betrat und vor das Konterfei Puccinis trat, wurde er begleitet von einer älteren Dame. Das Publikum stutzte. Sie führte den Mann zum Flügel und er tastete suchend danach. Der Mann war blind. Wir brauchten einen Augenblick, um das Ganze einordnen zu können. Der Raum wurde ruhig, der Pianist setzte an und dann begann der Tenor zu singen. Leise, verhalten, dann aufschwingend, gefühlvoll, abschwellend und wieder ansetzend – ein wunderbares Spiel immer wieder von Neuem! Er lebte diese Musik, war nicht mehr der Mann, der von seiner Mutter in leicht befremdlicher Bevormundung geführt werden musste. Da war ein Mensch, der Musik war. Die Hände an die Taschen des Smokings gepresst und immer wieder  Sicherheit am Flügel suchend.. aber da war einer, dessen Seele über das Leben hinaus wuchs.
Und grosser Beifall war ihm gewiss. Mit jeder Arie, die er sang, erwärmte sich das Publikum mehr und mehr, bis wir schliesslich alle standen – Tränen in den Augen – und ihm einen lang anhaltenden, unglaublich warmherzigen Applaus schenkten. Ihm der uns beschenkt hatte. Und er genoss es sichtlich, war selber überrascht über seinen Herzenserfolg. Er wird es nicht an die Mailänder Scala schaffen, aber er hat es geschafft, sich in die Herzen seines Publikums zu singen. Mit seiner Innigkeit, mit seinem Herzblut. Und seinem Schenken.

Wie viel mehr Wert ist ein solches Konzert als die perfekteste Darbietung.. Einander Wertschätzung schenken, ermutigen.

Weil Gott es genau so mit uns tut.

(Puccini im Hintergrund hätte auch wenigstens  e i n  b i i i s s c h e n  lächeln können..)

gelateria

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Um nochmals auf meine Ferien letzten Monat in Italien zurück zu kommen:

Endlich einmal eine gelateria, in der man nicht nur gute gelati bekam, sondern auch noch eine Atmosphäre herrschte, die zum Bleiben und Schwatzen einlud. Mir gefiel sie sofort. Ich wusste, dass da jemand am Werk gewesen war, der etwas von Einrichten verstand und eine Liebe zur Sache hatte.

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Es stimmte einfach alles: vom Kabel der Pendelleuchten bis zum alten Fussboden und dem Kissen am Fenster. Und das ist selten. Weil drei Luccheser Damen auf dem Sofa sassen und das Neueste miteinander austauschten – so verrenkt, als sässen sie auf drei einander gegenüber stehenden Sesseln – nahm ich mit meinem gelato den noch einzigen freien Platz ein. Genau genommen gab es nur diese vier Plätze, aber das machte den Charme dieser gelateria ja auch aus. Mein indian summer farbenes Kissen lag auf einem Absatz unterhalb des Fensters und ich kauerte mich hin genüsslich mein gelato schleckend und aufpassend, dass keiner der Tropfen allzu sehr Fahrt aufnahm.

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Während dessen plauderte ich mit der gelato Frau und liess mir die Geschichte dieser ganz neuen gelateria erzählen. Wie es einmal eine Metzgerei war und die Haken da oben noch hingen und wie sie den alten Fliesenboden hinten aus dem Haus heraus gerissen und hier neu verlegt hatten und wie sie den Ort zu einem Ort der Begegnung machen wollten, aber die Luccheser Stadtregierung sich noch dagegen sträubte. Und nicht zuletzt: Das gelato war einfach himmlisch!

Als das Eis auf meiner Zunge lag und in der auf der Stadt liegenden Mittagshitze wohltuende Kühle verströmte, da dachte ich unwillkürlich an die Zeile eines an den Heiligen Geist gerichteten Gebets:

(…) hauchst in Hitze Kühlung zu (…)

Wie nah und konkret die Erfahrung des Heiligen Geistes doch an den Erfahrungen des Alltags liegt! Manchmal so nah, dass sie fast nicht voneinander zu unterscheiden sind.

Hier ist das ganze Gebet der sogenannten Pfingstsequenz:

Komm herab, o Heiliger Geist,
der die finstere Nacht zerreisst,
strahle Licht in diese Welt.

Komm, der alle Armen liebt,
komm, der gute Gaben gibt,
komm, der jedes Herz erhellt.

Höchster Tröster in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not.

In der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.

Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn.
kann nichts heil sein noch gesund.

Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem giesse Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.

Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.

Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit.

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