wegrand

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Gerade eben – vor fünf Minuten – sagte mir eine Frau: „Danke für die Gesellschaft!“ Ein Satz, den man so oft nicht mehr hört.

Obwohl ich Blumenbilder eher langweilig finde, wenn das Bild keine Geschichte zu erzählen weiss, habe ich heute eines hier gepostet, eines das ich gestern Nachmittag aufnahm. Als ich um das Gebüsch bog, standen da diese Blumen in für die Jahreszeit überraschender Fülle. Ich fotografierte sie, weil mich ihr Weiss anzog und ihr sich hin Geben in Bescheidenheit.

Jetzt, heute, kommen sie mir wieder in den Sinn. Weil mir das, was die Frau von vorhin zu mir gesagt hat, wie eine Blume vorkommt. Vorgestern noch hatte mir jemand gesagt: „Du musst auf die Blumen achten an deinem Wegrand, nicht auf die Steine“. Das ist ein Satz, den man immer wieder hört und vielleicht gerade deshalb höre ich dann nur mit halbem Ohr zu. Jetzt aber ist er mir wertvoll.

Momentan habe ich in einem der Gefängnisse eine kleine, unscheinbare Situation, die mich ungemein beschäftigt. Ja belastet. Vielleicht nur mich. Und das reicht auch. Aber sie belastet. Und dann tut es einfach nur gut, wenn man der Fülle an kleinen, bescheidenen Blumen Raum gibt, die Gott an unserem Wegrand blühen lässt.

 

feierabend

Ich weiss nicht.. es ist so ein eigenartiges Gefühl. Der Tag in der Justizvollzugsanstalt Sennhof ist vorbei, ich bin nach Hause zurück gekehrt. Ich durfte. Bevor ich in mein Auto stieg, schlüpfte ich kurz in das Haus am Bischöflichen Hof, da in die kleine Kapelle, wo täglich Jesus im Allerheiligsten zur Anbetung ausgesetzt ist.
Er war da: klein, weiss, in der runden Heiligen Hostie. Alle Insassen legte ich Ihm hin, hinein in die Unendlichkeit Seines Herzens. All die Geschichten, die ich heute hörte. Die Einblicke in Vergangenes, die wirken und wunden bis heute. Die Verstrickungen. Er nahm sie auf.
Und dann durfte ich meinen Kopf an Ihn heran sinken lassen. Hinein in das Weiss Seiner Reinheit. Egal was ich getan hatte, egal wie gut oder weniger gut ich meine Aufgabe heute erfüllt hatte: Er nahm mich auf.

Jetzt bin ich zu Hause. Gut möglich, das heute Abend noch das Telefon klingelt. Die Justizvollzugsanstalt Realta. Gut möglich, dass ich noch einen Sondereinsatz habe. So wie gestern Abend. Dann wird aus dem Feierabend Feierpause und ich gehe nochmals auf Weg. Aber gestärkt und in einer Ruhe. Weil Sein Wille gut ist, durch und durch gut.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend!

Tandem

Hier ist es bereits, das Radiogespräch zwischen Rico Vincenz und mir (vgl. letzter Blogeintrag):

Tandemgespräch SRF2

radiogespräch

Rico Vincenz ist Leiter der Ausschaffungshaft des Zürcher Flughafengefängnisses. Radio SRF2 hat ihn und mich zu einem gemeinsamen Gespräch eingeladen, das am Montag, 19. September 2016 um 9 Uhr und in der Wiederholung um 18 Uhr in der Sendung KONTEXT auf Radio SRF2 ausgestrahlt wird.

Im Rahmen des Möglichen sprechen wir über unsere Arbeit in den Gefängnissen, über unsere Erfahrungen und dem Leben ausserhalb der Gefängnisse. Es hat mich sehr gefreut, Rico Vincenz wieder zu sehen, nachdem wir für ein paar Wochen zusammen gearbeitet hatten, als ich vor zwei Jahren meine Arbeit als Gefängnisseelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt Realta aufnahm. Ein interessantes Gespräch, verschiedene Perspektiven und wieder einmal ein Einblick in die Welt des Gefängnisses.

würde

Was ist, wenn man das Gefühl hat der eigenen Würde beraubt worden zu sein? Beschämung ohne Ende. Es gibt nichts, womit man sich ‚bedecken‘ könnte, keine Deckung, kein Schutz, einfach bloss gestellt. Das Gefühl, in den Augen eines anderen Menschen ein Mensch zu sein, mit dem man so etwas einfach machen kann. Nicht mehr Wert zu haben als dazu.

Ich schaute mich um nach etwas, wonach ich greifen konnte. Nichts in Nähe. Doch hinter mir stand Er, ohne etwas gesagt zu haben. Stumm stand Er da, Seiner Kleider beraubt. Man hatte sie Ihm herunter gerissen ohne dass es eine unmittelbare Notwendigkeit gehabt hätte. Man wollte Ihn bloss stellen. Seiner Würde berauben. Noch vor dem Kreuz als dem Letzten.

Er stand da und schaute mich an. Sein entwürdigt Sein bedeckte mich. Weil Er sich seine Würde nehmen liess, kann sie mir niemand nehmen.

trümmelbachfälle

Leider hatte ich meine Leica nicht dabei, als ich sozusagen im Vorbeigehen die Trümmelbachfälle im Lauterbrunnental besuchte. Man muss sich die drei berühmten Riesen Eiger, Mönch und Jungfrau des Berner Oberlands vorstellen, imposante Berge mit ihren Gletschern, die tagtäglich schmelzen und ihr Wasser in die Schwarze und Weisse Lütschine fliessen lassen, welche sich wiederum bei Zweilütschinen (logisch!) vereinen.

Ganz am Anfang versammelt sich das Wasser der Weissen Lütschine, noch am Fusse der Berge und hat sich in Jahrtausende langer Arbeit fallend in den Fels eingegraben. Eine tiefe, schmale Furche hinein ins Berginnere, umgeben vom Dunkel; nur erahnen kann man das Licht von oben. Da also fällt das Wasser seit Zeiten. Tosend, schäumend, gewaltig und unerbittlich.

Es fällt und fällt, unaufhörlich. Das eisige Gletscherwasser spritzt weiss herunter in unzähligen Sprüngen. Spritzformationen stetig und doch so schnell, dass sie nicht zu fassen sind. Es tost und braust, prallt auf Fels, prallt zurück, prallt hoch, prallt weiter. Ergiesst sich in Mulden, dreht und wendet, wirbelt und trommelt. Es dreht und dreht weiter, schleust sich und zieht und wälzt. Weiss, schaumig, keine und niemandem Ruhe gönnend. Ein ewiges Schauspiel. Das Auge kommt kaum mit und erfasst doch das ewig Gleiche. Es dringt ein in den Augenblick des Fallens und kann nicht anders als sich mitreissen lassen, um sich gleich darauf zu verlieren im Getümmel der Wassermassen, die verwirrender nicht sein könnten. Die Logik der Physik: ja. Die Logik des Mensch Seins: nein.

Ich weiss, dass es mir ergeht, wie vielleicht wenigen von Ihnen: Ich kann nicht anders als im Gewirr des Wassers und seinen Formationen eine Parallele zum Menschen, zum Mensch Sein erkennen zu wollen. Absurd, ich weiss. Aber mein Geist kann nicht anders. Immer wieder drängten sich 1:1 gefühlte Vergleiche auf mit dem menschlichen Leben. Das geworfen Sein, das los Lassen, das sich Ergeben und das neue Kraft Sammeln. Das mitgerissen Werden, das getrieben Sein und das bestimmt Werden. Wie ausgeliefert wir doch sind, trotz aller Selbstbestimmung. Das Wasser – fällt auf – scheint gleichmütig damit umgehen zu können; es klammert nicht, wird nicht geprägt, schaut nicht zurück. Es schaut auch nicht nach vorn. Es ist einfach.

Wir hingegen werden durch unser Leben. Unser Tosen und Brausen, unser Aufprallen und weiter geschleust Werden ist begleitet und aufgehoben in Gott. Es ist Beziehung. Wir sind nicht inkompressibel wie Wasser, sondern wir werden geprägt, geschleift, geformt und das alles hat seine Auswirkungen. Aber immer ist da Einer, der mit schwimmt. Das ist ein anderes Verstehen als das dem Wasser Zuschauen. Das macht Sinn, auch wenn alles um uns keinen Sinn zu machen scheint.

Und wenn sie dann austreten aus dem Berg, die Wasser der Trümmelbachfälle, dann plätschern sie dahin über die Steine und weiter, so als wäre nichts gewesen.

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pause

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Neinnein, der Frommbeeren Blog wird nicht auf Eis gelegt! Ich bin nur gerade weg in einer Gefängnisseelsorge Weiterbildung und so. Aber ich melde mich in ein paar Tagen wieder – versprochen.

Liebe Grüsse – Schwester Veronika